Elitekörper // Revolte
Salzburger Kunstverein
22. Juli bis 12. September 2010

Wider den Körperkult: Die Künstlerin und Ex-Sprinterin Ulrike Lienbacher setzt derzeit im Salzburger Kunstverein physische Zwänge in Szene.
Als die groß angelegte Schau Rundlederwelten im Berliner Martin-Gropius-Bau begleitend zur Fußballweltmeisterschaft 2006 eröffnet wurde, tadelte der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Ausstellungsmacher. Von der wichtigsten Seite des Spiels, der physischen, der atemraubenden und der kindlichen, verstünde die Kunst nur wenig, urteilte der Kritiker. Das Verhältnis zwischen den beiden Disziplinen lässt sich tatsächlich als überaus distanziert beschreiben.
Die Zeichnerin, Bildhauerin und Videokünstlerin Ulrike Lienbacher, deren Ausstellung Elitekörper // Revolte derzeit in Salzburg zu sehen ist, stellt eine rare Ausnahme des Befunds dar. Sie verbrachte bis vor Kurzem viel Zeit am Sportplatz, wo sie Zwillinge beim Aufwärmen und Laufen im Gleichschritt filmte. Gerade im Sport erblickt Lienbacher ein gültiges Modell für gegenwärtige ökonomische Vorgänge: Sowohl im Spitzensport als auch in der Wirtschaft ist das Ziel stets die Optimierung von Leistung, erklärt die 1963 geborene Künstlerin jene Analogie, zu der sie selbst einen Sportpsychologen befragte. In einem ihrer Videos erklärt beispielsweise ein Experte Phänomene wie Burn-out, Selbstkontrolle und den idealen Leistungszustand Begriffe, die im sportiven Metier so gängig sind wie in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts.
Selbstdisziplin und Körperkult sind die vorrangigen Themen von Lienbachers Arbeit. Sie stellt gar nicht in Abrede, dass diese Präferenz ihrer Vergangenheit als Läuferin geschuldet sein könnte: Als Teenager nahm die Salzburgerin an Jugend-Staatsmeisterschaften teil bevorzugte Distanz: 100 Meter. Meine Lieblingsdisziplin, bei der man in kurzer Zeit alle Kräfte aktivieren musste. Mit 17 wurde sie der Leichtathletik überdrüssig. Niki Lauda sagte einmal, dass es ihm ab einem bestimmten Zeitpunkt langweilig geworden sei, immer nur im Kreis zu fahren. Mir ging es mit dem Laufen ähnlich, erinnert sie sich an ihren Abgang aus der Athletik. Außerdem war es in den siebziger Jahren nicht cool, Sport zu treiben.
Langstrecke. Im Vergleich zu ihrem einstigen sportlichen Spezialgebiet gleicht Lienbachers künstlerische Karriere eher einem Langstreckenlauf. Anders als die Kollegenschaft legte sie keinen Senkrechtstart hin, zählt aber spätestens seit den neunziger Jahren zu den Fixgrößen des heimischen Kunstbetriebs. Ihr Werk ist von ebensolcher Konsequenz geprägt, kehrt sie doch immer wieder zu früheren Sujets zurück, zudem hält sie beharrlich an einigen wenigen künstlerischen Medien fest. Neben Fotografien und Objekten, die häufig den zwanghaften Kult um den Körper kritisieren, erlangten die Zeichnungen der Ex-Sprinterin einen beachtlichen Bekanntheitsgrad verstörende, ambivalente Arbeiten, anziehend und abstoßend zugleich: Die scheinbare Perfektion fein säuberlich gezeichneter Körper, die häufig androgyn und unpersönlich wirken, wird häufig von Schmutz oder schmerzhaft scheinenden Verschnürungen irritiert. Dafür verwendet die Künstlerin neben Schwarz fast ausschließlich die Farben Gold, Braun und Rot: Damit würden, erklärt sie trocken, Gold, Scheiße und Blut assoziiert. Auf einer Zeichnung strömt an den Beinen einer Frau rote Flüssigkeit herab, auf einer anderen tropft eine undefinierte bräunliche Substanz von einer Hand. Das Abstoßende würde Lienbacher nie so direkt und offensiv darstellen wie etwa ihre Kollegin Elke Krystufek.
Das Ekelerregende, die Brüche und Zwänge offenbaren die Zeichnungen, Videos und Skulpturen von Ulrike Lienbacher nicht auf den ersten Blick. Alles andere widerspräche wohl auch ihrem künstlerischen und persönlichem Naturell: Zurückhaltung, nicht Extrovertiertheit ist ihre Stärke.
Von Nina Schedlmayer
Elitekörper // Revolte, Salzburger Kunstverein, bis 12.9., Infos: www.salzburger-kunstverein.at
Als die groß angelegte Schau Rundlederwelten im Berliner Martin-Gropius-Bau begleitend zur Fußballweltmeisterschaft 2006 eröffnet wurde, tadelte der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Ausstellungsmacher. Von der wichtigsten Seite des Spiels, der physischen, der atemraubenden und der kindlichen, verstünde die Kunst nur wenig, urteilte der Kritiker. Das Verhältnis zwischen den beiden Disziplinen lässt sich tatsächlich als überaus distanziert beschreiben.
Die Zeichnerin, Bildhauerin und Videokünstlerin Ulrike Lienbacher, deren Ausstellung Elitekörper // Revolte derzeit in Salzburg zu sehen ist, stellt eine rare Ausnahme des Befunds dar. Sie verbrachte bis vor Kurzem viel Zeit am Sportplatz, wo sie Zwillinge beim Aufwärmen und Laufen im Gleichschritt filmte. Gerade im Sport erblickt Lienbacher ein gültiges Modell für gegenwärtige ökonomische Vorgänge: Sowohl im Spitzensport als auch in der Wirtschaft ist das Ziel stets die Optimierung von Leistung, erklärt die 1963 geborene Künstlerin jene Analogie, zu der sie selbst einen Sportpsychologen befragte. In einem ihrer Videos erklärt beispielsweise ein Experte Phänomene wie Burn-out, Selbstkontrolle und den idealen Leistungszustand Begriffe, die im sportiven Metier so gängig sind wie in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts.
Selbstdisziplin und Körperkult sind die vorrangigen Themen von Lienbachers Arbeit. Sie stellt gar nicht in Abrede, dass diese Präferenz ihrer Vergangenheit als Läuferin geschuldet sein könnte: Als Teenager nahm die Salzburgerin an Jugend-Staatsmeisterschaften teil bevorzugte Distanz: 100 Meter. Meine Lieblingsdisziplin, bei der man in kurzer Zeit alle Kräfte aktivieren musste. Mit 17 wurde sie der Leichtathletik überdrüssig. Niki Lauda sagte einmal, dass es ihm ab einem bestimmten Zeitpunkt langweilig geworden sei, immer nur im Kreis zu fahren. Mir ging es mit dem Laufen ähnlich, erinnert sie sich an ihren Abgang aus der Athletik. Außerdem war es in den siebziger Jahren nicht cool, Sport zu treiben.
Langstrecke. Im Vergleich zu ihrem einstigen sportlichen Spezialgebiet gleicht Lienbachers künstlerische Karriere eher einem Langstreckenlauf. Anders als die Kollegenschaft legte sie keinen Senkrechtstart hin, zählt aber spätestens seit den neunziger Jahren zu den Fixgrößen des heimischen Kunstbetriebs. Ihr Werk ist von ebensolcher Konsequenz geprägt, kehrt sie doch immer wieder zu früheren Sujets zurück, zudem hält sie beharrlich an einigen wenigen künstlerischen Medien fest. Neben Fotografien und Objekten, die häufig den zwanghaften Kult um den Körper kritisieren, erlangten die Zeichnungen der Ex-Sprinterin einen beachtlichen Bekanntheitsgrad verstörende, ambivalente Arbeiten, anziehend und abstoßend zugleich: Die scheinbare Perfektion fein säuberlich gezeichneter Körper, die häufig androgyn und unpersönlich wirken, wird häufig von Schmutz oder schmerzhaft scheinenden Verschnürungen irritiert. Dafür verwendet die Künstlerin neben Schwarz fast ausschließlich die Farben Gold, Braun und Rot: Damit würden, erklärt sie trocken, Gold, Scheiße und Blut assoziiert. Auf einer Zeichnung strömt an den Beinen einer Frau rote Flüssigkeit herab, auf einer anderen tropft eine undefinierte bräunliche Substanz von einer Hand. Das Abstoßende würde Lienbacher nie so direkt und offensiv darstellen wie etwa ihre Kollegin Elke Krystufek.
Das Ekelerregende, die Brüche und Zwänge offenbaren die Zeichnungen, Videos und Skulpturen von Ulrike Lienbacher nicht auf den ersten Blick. Alles andere widerspräche wohl auch ihrem künstlerischen und persönlichem Naturell: Zurückhaltung, nicht Extrovertiertheit ist ihre Stärke.
Von Nina Schedlmayer
Elitekörper // Revolte, Salzburger Kunstverein, bis 12.9., Infos: www.salzburger-kunstverein.at